Interview mit
Antonia Grüner

Antonia Grüner beim Konzert von bratfisch am Wasserturm, Foto: Judith Stehlik

Mit Klassik & World verantwortet Antonia Grüner zwei sehr vielseitige Genres beim Kultursommer Wien. Sie ist selbst leidenschaftliche Chorsängerin und Kulturmanagerin. Beide Perspektiven bringt sie in die Programmierung ein. Im Gespräch gibt Antonia Grüner Einblicke in ihre Arbeit als Kuratorin. Sie erklärt, was einen Auftritt beim Kultursommer Wien für viele Künstler:innen so besonders macht und warum das Publikum in ihren Genres immer wieder überrascht wird. 

Antonia, in diesem Jahr kuratierst du Klassik und World. Was macht diese Musikrichtungen interessant?

In beiden Genres sind fantastische Künstler:innen beheimatet, die mit ihrer Spielfreude und Leidenschaft das Publikum begeistern und berühren können. Außerdem bieten die beiden Genres viele Möglichkeiten zu Neuentdeckungen und Überraschungen. Meine Erfahrung aus dem vergangenen Jahr ist, dass gerade die World-Konzerte in riesiges Überraschungspotenzial hatten: Ein neugieriges Publikum lässt sich auf fantastische, aber manchmal völlig unbekannte Gruppen ein. Da entstanden oft großartige Abende! In der Klassik hingegen denkt man immer wieder, schon (fast) alles gehört und gesehen zu haben – aber das Open-Air-Setting und die erfrischende Herangehensweise der Musiker:innen an das Klassikrepertoire lassen vieles neu erklingen.

Achtest du bei der Kuratierung darauf, ein möglichst vielseitiges Programm zu erstellen oder bemühst du dich um einen roten Faden?

Der rote Faden ist aufgrund der unterschiedlichen Spielstätten und Besetzungen nicht wirklich möglich. Es gibt auch kein übergeordnetes Festival-Thema. Mir ist ein möglichst buntes und vielfältiges Programm wichtig, weil ich denke, dass das Publikum Spaß daran hat, viele unterschiedliche Projekte, Stile und Facetten in den Genres zu erleben. Die Vielfalt ermöglicht es, beim Kuratieren diverse Kriterien einfließen zu lassen, sowohl im Hinblick auf die Besetzung und das Repertoire. Ich bin davon überzeugt, dass die Mischung aus arrivierten Künstler:innen, die natürlich Publikum anziehen, und fantastischen Newcomern, die über die Auftritte erstmalig bekannter werden, den Kultursommer Wien zu etwas Einzigartigem macht.

Im vergangenen Jahr hast du im Interview mit uns erzählt, dass dir vor allem zwei Kriterien bei der Auswahl wichtig sind: die musikalische Qualität und eine gute Ausstrahlung. Welche:r Musiker:in hat den Funken besonders gut überspringen lassen?

Künstlerisch war ich mit den allermeisten Auftritten aus „meinen“ Genres (vergangenes Jahr waren das Klassik, World & Jazz) sehr zufrieden. Ich freue mich vor allem darüber, wie neugierig, aufgeschlossen und wohlgesonnen sich das Publikum auf viele unbekannte Künstler:innen eingelassen hat. Begeistert haben mich die „Feuertaufen“ von jungen Acts, die die Herausforderung von Open-Air-Konzerten genutzt haben, um sich einem breiteren Publikum bekannt zu machen. Besonders an den sehr heißen Wochenenden zeigte sich zusätzlich die hohe Professionalität, mit der die Musiker:innen mit temperatursensiblen Instrumenten wie dem Klavier oder Holzblasinstrumenten ihre Auftritte absolvierten.

Besonders am Herzen liegt mir die Qualität der Musikvermittlungsprogramme: Bei den Vormittagskonzerten für die kleinen Kinder und Kindergärten gab es einige sehr schöne Konzerte, die auch mit riesigem Interesse angenommen wurden. Aber auch bei Abendterminen sind teilweise viele Familien mit älteren Kindern gekommen. Es lohnte sich die sorgfältige Überlegung, welche Acts man zu welcher Uhrzeit ansetzt, um ein möglichst generationenübergreifendes Angebot zur Unterhaltung aller anzubieten.

Die Erfahrung eines Auftritts bei einem Festival dieser Größe ist schon etwas Besonderes und vor allem für junge Künstler:innen oft das erste große Open-Air-Konzert.

Antonia Grüner
Portraitfoto von Antonia Grüner
Antonia Grüner, Foto: Grüner
Wie kann man sich die Arbeit im Board vorstellen?

Wir treffen uns regelmäßig in Boardmeetings, um uns über die wichtigsten organisatorischen und inhaltlichen Dinge auszutauschen. Im Prinzip arbeitet jedes Boardmitglied inhaltlich selbständig und ist für die Auswahl der Projekte in seinen Genres verantwortlich. Aber besonders während des Calls bzw. Auswahlprozesses gibt es einen intensiven Austausch, der sehr bereichernd ist und bei dem man mitbekommt, wie die anderen Boardkolleg:innen arbeiten, welche Herausforderungen es gibt und wo man vielleicht Synergien zwischen den Genres kreiieren kann. Es macht großen Spaß mit vielen Kolleg:innen aus verschiedenen Bereichen für den Kultursommer Wien zu arbeiten und zu erleben, wie wir als Team das künstlerische Programm gestalten!

Du bist selbst Chorsängerin, aber auch Kulturmanagerin. Welche Perspektive hilft dir beim Kuratieren am meisten?

Die Erfahrung in der Kulturbranche hilft jedenfalls dabei, zu überlegen, was es aus Veranstalter- bzw. Festivalsicht braucht, um jene Acts auszuwählen, die auch das Publikum überzeugen, begeistern, überraschen und/oder beglücken können. Ein gewisses Restrisiko bleibt aber immer, und das ist auch das Spannende dabei!

Oft warst du an den Musikabenden selbst vor Ort und hast zugeschaut. Was machte den Kultursommer Wien für dich besonders?

Die Besonderheit liegt für mich in den ganz unterschiedlichen Bühnensettings und die Möglichkeit, an einem Abend verschiedene Formen von Kunst und Kultur open air erleben zu können. Diese Bandbreite in Kombination mit höchster Qualität ist einzigartig!

Für mich persönlich war der erste Kultursommer Wien ein unglaublich bereicherndes Festival auf sehr hohem Niveau – sowohl künstlerisch als auch organisatorisch. Ein besonderer Mehrwert bestand für mich darin, so viele unterschiedliche neue Ecken von Wien zu entdecken. 

Gleichzeitig empfinde ich es als großes Privileg, mit der Auswahl der Acts aus Klassik und World auch beim Kultursommer Wien 2023 daran mitwirken zu dürfen, Türen zu neuen und unbekannten Genres zu öffnen, Hemmschwellen abzubauen und eine „Einladung“ an Künstler:innen und das Publikum auszusprechen, miteinander in einem ganz ungezwungenen Setting in Verbindung zu treten.

Der Open Call für den nächsten Kultursommer Wien läuft noch bis 27. Jänner 2023. Wem würdest du nahelegen, sich zu bewerben?

Alle Musiker:innen, die Lust und Zeit haben, im Sommer ein Open-Air-Konzert an einem Fleckchen der Stadt zu spielen, das sie vielleicht bisher noch gar nicht kannten, sind eingeladen, sich zu bewerben! Die Erfahrung eines Auftritts bei einem Festival dieser Größe ist schon etwas Besonderes und für junge Künstler:innen oft das erste große Open-Air-Konzert. Ich freue mich auf spannende Programmkonzepte und bin neugierig auf die Geschichten, die die Künstler:innen erzählen.

Wie überbrückst du die Zeit bis zum nächsten Kultursommer Wien?

Ich freue mich sehr auf Die Zauberflöte in der Volksoper mit dem jungen großartigen Dirigenten Tobias Wögerer (11. Jänner). Ein Highlight ist dann auch das Konzert Händel goes wild des Alte-Musik-Ensembles L’Arpeggiata im Museumsquartier (25. Februar).

Und was machst du eigentlich so, wenn du nicht gerade für den Kultursommer Wien kuratierst?

Ich verbringe viel Zeit mit meiner kleinen Tochter, die auch schon eine fleißige und begeisterte Konzertgeherin ist. Zu Hause singen wir regelmäßig, derzeit gerade die Advents- und Weihnachtslieder. Beruflich gibt es bis Ende des Jahres für den Fachbeirat der Stadt Wien für Musik und den Aufsichts- und Universitätsrat der MUK einiges zu tun. Wenn Zeit bleibt, mache ich Yoga und hoffe auf ein paar Skitouren im Winter!

Antonia Grüner freut sich über zahlreiche Bewerbungen in ihren Genres Klassik & World. Bewerben können sich Künstler:innen, Gruppen oder Vereine mit Formaten, die zur Bespielung der Bühnen im öffentlichen Raum oder der Bühnen in den Gärten der Pensionistenhäuser bei Tageslicht möglich sind. Ab sofort bis 27. Jänner 2023, 14 Uhr, sind Einreichungen möglich.